Der traditionelle Schiedweckenabend in der Stadthalle war mit 400 Besuchern sehr gut besucht. Der Vorsitzende Dr. Werner Ströbele freute sich bei seiner Begrüßung über den großen Zuspruch.
Die große Zahl an Teilnehmern war auch dem Thema des Abends geschuldet, dem großen Stadtbrand vor 300 Jahren, mit dem sich in diesem Jahr gleich eine Serie von Veranstaltungen beschäftigen. Damals zerstörte diese Katastrophe den größten Teil der Häuser in der Stadt und stürzte die Bevölkerung in Obdachlosigkeit und Armut.
Kein Wunder, so Ströbele, dass die Erinnerung an den Stadtbrand in Reutlingen stets hochgehalten wurde: mit Gedenkgottesdiensten, dann mit der Gründung einer Art Feuerwehr 1826 und 1926 mit dem Beschluss des Baus des Altersheims in der Ringelbachstraße.
Dass sich der Reutlinger Geschichtsverein seit seinem Bestehen ebenfalls immer wieder dem Thema Stadtbrand gewidmet hat, wurde vom Vorsitzenden ebenfalls hervorgehoben. Er verwies auf einen weiteren Vortrag, den er selbst am 17. September zum Thema „Die Feuerspritzen der Familie Kurtz“ halten wird. Die in Reutlingen erhalten gebliebenen Gebäude, vor allem der Königsbronner Hof (Heimatmuseum) und das Spendhaus, konnten durch den verstärkten Einsatz von Feuerspritzen gerettet werden.
„Das Wunder des Wiederaufbaus“ von Tilmann Marstaller
Tilmann Marstaller, freiberuflicher Bauforscher, beschäftigt sich seit den 1990er Jahren mit alten Häusern in Reutlingen. Anlässlich des aktuellen Stadtbrandgedenkens erhielt er vom Stadtarchiv den Auftrag, sich des Themas des Wiederaufbaus Reutlingens nach dem Stadtbrand anzunehmen. Unter dem Titel „Das Wunder des Wiederaufbaus“ der vor 300 Jahren abgebrannten Reichsstadt Reutlingen gab er einen Einblick in seine Forschungen.
Marstaller machte deutlich, dass der Wiederaufbau in Reutlingen nach dem verheerenden Stadtbrand nicht nach einem Generalplan vorgenommen wurde, wie es in anderen Städten, z.B. in Balingen und Göppingen der Fall war, sondern dass auf den Grundrissen und in den Straßenzügen der alten Reichsstadt die Stadt erneuert wurde. Er konnte nachweisen, dass das verwendete Baumaterial fast ausschließlich aus dem Schwarzwald stammte und über Flosse den Neckar entlang bis Kirchentellinsfurt geführt und von dort mit Fuhrwerken nach Reutlingen an den Zimmerplatz geliefert wurde. Erstaunlich war seine Entdeckung, dass im Schwarzwald bereits 1726 Bäume für Reutlingen gefällt wurden.
Eindrucksvoll waren seine Beispiele, in denen er zeigte, wie Neubauten zunächst sehr großzügig geplant waren, dann aber einfacher realisiert wurden. Wie er an Beispielen aus der Weingärtnerstraße und der oberen Wilhelmstraße verdeutlichen konnte, wurden viele neue Häuser mit einfachen Mitteln sehr sparsam realisiert. Vielfach wurden die Häuser und selbst einzelne Stockwerke von mehreren Familien genutzt.
Marstaller plädierte dafür, nicht nur kulturhistorisch wertvolle Bauten denkmalpflegerisch zu schützen, sondern auch die einfachen Häuser, die nach dem Stadtbrand errichtet worden sind, in ihrer historischen Bedeutung für die Notzeit als bedeutsam wertzuschätzen.
Die Forschungsergebnisse von Tilmann Marstaller werden in den Reutlinger Geschichtsblättern publiziert.




