Veröffentlicht am 26. Juni 2026

Die Stadt Reutlingen tritt neuerdings – als Ergebnis eines Markenbildungsprozesses – mit einer neuen Stadtmarke auf: zwei bunte Rechtecke, eines mit einer Art Dachreiter. Offizielles Stadtwappen soll der Adler nach wie vor bleiben. Gleichwohl scheint der Reutlinger Adler, das bisherige Symbol der Stadt, dadurch in der öffentlichen Wahrnehmung weitgehend verdrängt zu werden. Nach annähernd 800 Jahren.

Der Vorstand des Reutlinger Geschichtsvereins verfolgt diese Entwicklung mit Verwunderung und Bedauern und hat dies Oberbürgermeister Thomas Keck in einem Schreiben auch mitgeteilt.

Ein kurzer Blick zurück macht deutlich, worum es hier geht.
Seit der Stadtgründung in der Mitte des 13. Jahrhunderts ist der Adler das Symbol für die Stadt. Als Wappen der Reichsstadt war es vor allem Hoheitszeichen und Symbol für die Verbindung zum Reich und seinem Oberhaupt, dem Kaiser. Es stand für eine reichsstädtische Autonomie und unterschied sich in seiner besonderen Ausgestaltung mit den Reutlinger Farben rot, weiß, schwarz von anderen reichsstädtischen Wappen wie von Rottweil oder Esslingen.

Stolz wurde es an vielen Orten als Kennzeichen Reutlingens angebracht, es prangte weithin sichtbar am Tübinger Tor, an den Rathäusern, schwebte einst über den Besuchern in der Marienkirche und heute noch über dem Taufstein, zierte die Zunftstuben und später amtliche Formulare und Briefbögen. Noch heute ist eine Nachbildung des mittelalterlichen Siegels, das gleichermaßen den Adler zeigt, im Reutlinger Ratssaal als Zeichen jahrhundertelanger kommunaler Selbstverwaltung zu sehen.

Dabei sollte der Adler auch schon früher abgeschafft werden.
Als Herzog Ulrich die Stadt 1519 eroberte, entfernte er sofort die Symbole der Reichsstadt. Auch als 1802/03 eine Gruppe württembergischer Soldaten unter dem späteren König Friedrich die Stadt besetzte, war eine ihrer ersten Taten wieder die Entfernung der reichsstädtischen Hoheitszeichen, sie wurden weggeschlagen oder übermalt – der Schriftsteller Hermann Kurz berichtete davon.
Stattdessen brachte man die Symbole der neuen Machthaber an: das württembergische Wappen; es wurde bald zum Spott als „Hischhönle mit dem Latenle“ bezeichnet.

Nichtsdestotrotz wurde der Adler als Symbol einer stolzen geschichtsträchtigen Stadt von den Reutlingern immer wieder hervorgeholt und konnte sich durch die Jahrhunderte bis in die Gegenwart halten. Natürlich wurde es immer wieder den Zeitströmungen entsprechend verändert.

Das jahrhundertealte Reutlinger Identitätssymbol verschwindet nun weitgehend, ersetzt durch scheinbar moderne, aber bedeutungslose, beliebige Formen.

Abbildungen (Bildergalerie):
– Großes Stadtsiegel, um 1280, Landesarchiv Baden-Württemberg / Hauptstaatsarchiv Stuttgart, J 234 Nr. 67 (Auch Beitragsbild)
– Marienkirche, Schlussstein am Gewölbe der Taufkapelle, 2026
– Stadtwappen vom ehemaligen Rathaus, 1874
– Tübinger Tor, 1910, Foto Gebr. Metz (Rechte: Haus der Geschichte Baden-Württemberg)
– Adressbuch 1956
– Rathaus 2026
– Stadtmarke 2026

Zum Adler und seiner Geschichte:
Roland Deigendesch: Adler oder Hirschhorn. Zur Geschichte des Wappens der Reichsstadt Reutlingen, RGB 2014, S. 43-64.
Online hier:
https://publikationen.uni-tuebingen.de/xmlui/handle/10900/82920