Veröffentlicht am 19. Januar 2026

Neulich in New York: Anlässlich eines Aufenthalts in der amerikanischen Metropole im vergangenen November suchte ich nach Spuren des Reutlinger 1848er Revolutionärs Gustav Heerbrandt. Roland Deigendesch gab die Anregung dazu. Ein Zufall: Auf den Monat genau vor 175 Jahre war dieser 1850 in die Vereinigten Staaten ausgewandert. Dort gründete er in New York eine Zeitung. So viel war bekannt. Mit Heerbrandt hat sich der frühere 2. Vorsitzende des Geschichtsvereins, Gerhard Junger, schon näher beschäftigt und seine Erkenntnisse 1999 in den Reutlinger Geschichtsblättern veröffentlicht. Dabei ging es vor allem um Heerbrandts Zeit in Reutlingen. Über das weitere Schicksal des Auswanderers in den USA konnte er wenig berichten, weil weitere Informationen fehlten.

Heerbrandt trat in Reutlingen zunächst als Verleger in Erscheinung, der mit seinem „Reutlinger & Metzinger Courier“ das Sprachrohr der demokratischen Bewegung in Reutlingen war. Darüber hinaus machte er sich als Gründer von Vereinen einen Namen: 1843 gründete er die Turngesellschaft, 1846 den Leseverein sowie 1847 den Feuer-, Lösch- und Rettungsverein „Pompier-Corps“, die heutige Freiwillige Feuerwehr Reutlingens.

Wegen seiner Beteiligung an der 1848er Revolution hatte er eine mehrere Monate dauernde Haftstrafe auf dem Hohenasperg zu verbüßen. Da er versicherte auszuwandern, wurde er begnadigt und machte sich im November 1850 auf den Weg nach New York. Ein Grund, in New York nachzuforschen und seinem dortigen Wirken nachzugehen.

In der New York Public Library wurde ich fündig. Zwar war die von ihm gegründete Zeitung nicht vorhanden, aber es fanden sich verschiedene Publikationen, die Heerbrandt herausgegeben hatte. Seine Verlegertätigkeit setzte er also in New York fort.

Hier die gefundenen Titel:

  • Heerbrandt‘s Illustrierter Führer durch New York., 3. Auflage 1893.
  • Gedichte in schwäbischer Mundart von Gustav Heerbrandt, mit dem Portrait des Verfassers, 1892.
  • Illustrirtes Deutsch-amerikanisches Kochbuch, verfasst von Charles Hellstern.
  • Kreuzfidel, Sammlung der heitersten Anekdoten und Witze. Heerbrandt Publishing Co.
  • Hummoristische Perlen. Eine Sammlung heiterer Geschichten.
  • Schwäbischer Leierkasten, Eine Sammlung komischer Gedichte in schwäbischer Mundart, New York 1883, 2. Auflage auch in Reutlingen bei Enßlin & Laiblin.

Teilweise sind die Titel inzwischen auch online einsehbar: https://www.newyorkcity.de/offentliche-bibliothek-in-new-york/

Aus den Buchtiteln – vor allem aus den Vorworten und den Werbemitteilungen, die am Ende der Publikationen abgedruckt waren – lassen sich erste Hinweise auf die Tätigkeit des Ex-Reutlingers in New York entnehmen. Heerbrandts verlegerische Tätigkeit scheint mit dem „Schwaben Kalender“, der ab 1851 vorliegt, begonnen zu haben. Diesem Kalender fügte er erste heitere Erzählungen bei, was offenbar gut ankam. Denn es folgten die weiteren Publikationen mit humoristischen und komischen Gedichten sowie Anekdoten in schwäbischer Mundart. Von dem Büchlein „Schnitz und Zwetschgen“ hat er – so ist es einer Mitteilung von 1883 zu entnehmen – in den ersten sechs Monaten 2500 Exemplare und bald über 10.000 Exemplare verkauft. Kontinuierlich lieferte er weitere derartige Publikationen nach. Die heiteren Geschichten und Witze – vom Herausgeber teils selbst gesammelt und verfasst, teils von anderen Autoren übernommen – scheinen bei den Auswanderern besonders beliebt gewesen zu sein. Daneben druckte Heerbrandt in „schöner Ausstattung“ die wichtigen deutschen Schriftsteller nach: Sämtliche Werke von Schiller, Goethe, Hauff, Lessing; aber auch die schwäbischen Dialektdichter Sebastian Sailer und Carl Boromäus Weitzmann.

Die Zeitung „New Yorker Schwäbisches Wochenblatt“ war, wie erwähnt, in der New Yorker Bibliothek nicht vorhanden. Allerdings fanden sich im Buch „Schwäbischer Leierkasten“ von 1883 Angaben zum Inhalt dieses Blattes: „Bei mir erscheint seit sechseinhalb Jahren das New Yorker schwäbische Wochenblatt, welches alle Neuigkeiten, Todesfälle, Verehelichungen, Anstellungen von Beamten, kurz Alles bringt, was für die in den Vereinigten Staaten und Canada lebenden Württemberger und Hohenzollern Interesse hat.“ Man gewinnt den Eindruck, die Zeitung war eine wichtige Brücke zur alten Heimat ihrer Leser. Eine weitere Suche nach den Ausgaben der Zeitung scheint lohnenswert.

Und der 1848er-Revolutionär? Statt Politik sind Personalien angesagt, statt ernsten Themen sind humorvolle und heitere wichtig. In dem Band „Kreuzfidel“ habe ich eine eher ironische und in der Figur eines „Hannes“ geschilderte distanziert klingende Äußerung in schwäbelnden Sentenzen zur revolutionären Vergangenheit entdeckt. Vereinfacht dargestellt heißt es da:1848 habe der Hannes geglaubt, jetzt werde ein „neues Reich“ aufgebaut und es komme „jetzt die Herrlichkeit von der deutschen Einigkeit“. Doch man habe das Volk an der Nase herum geführt mit den Versprechen, „ihr kriegt alles, was ihr wollt, Pressefreiheit und Parlament“. Vergeblich: Denn der preußische König fragte nicht nach einem Parlament; und in Stuttgart ging es aus mit einem Putsch und die deutsche Einigkeit war wieder „futsch“. Dann hätten sich die Herren umgesehen, welcher „Schwindel“ für das Volk am zweckmäßigsten sei, und sie hätten beschlossen, man mache sie „fromm, dabei bleibts sternhageldumm“. Ein Abgesang auf die damalige Politik.

Heerbrandts deutschsprachiger Reiseführer durch New York von 1893, der erste seiner Art, zeigte, dass er in New York angekommen war und kultureller Vermittler nicht nur für die schwäbischen, sondern für alle deutschsprachigen Auswanderer war. Die deutsche Community in New York umfasste damals um die 200.000 Menschen. Heerbrandt, der in New York als Unternehmer erfolgreich war, besuchte 1884 seine Heimatstadt Reutlingen und konnte sich verschiedener Ehrenbezeugungen erfreuen. Er starb 1896 in Manhattan.

Meine Erkundung von New York machte ich anhand eines Baedecker Reiseführers, der zum ersten Mal wohl in den 1930er Jahren erschienen ist – etwa 40 Jahre nach Heerbrandts New-York-Führer. Dass ich drei Absolventen des Reutlinger Friedrich-List-Gymnasiums traf, die 2013 Abi machten und nun erfolgreich in New York geschäftlich tätig sind, sei nebenbei auch erwähnt.

Dr. Werner Ströbele