Reutlingen gedenkt aus gutem Grund im Jahr 2026 des großen Stadtbrandes vor 300 Jahren. 1726 zerstörte ein drei Tage dauerndes Feuer die alte Reichsstadt, der alte Baubestand ging fast vollständig in den Flammen auf. Das Feuer brach am Abend des 23. September, einem Montag, im Haus eines Schusters unweit der Nikolaikirche aus. Erst nach drei Tagen, am 25. September, konnte die Feuersbrunst beendet werden. Vier Fünftel der Stadt, darunter fast alle öffentlichen Gebäude, wurden vernichtet, insgesamt mehr als 800 Häuser. 1200 Familien wurden obdachlos. Um Hab und Gut gebracht, versanken viele in Armut. Verschont geblieben ist ein schmaler Streifen im südwestlichen Stadtgebiet. Darunter der ehemalige Königsbronner Hof (heute Heimatmuseum), das Spendhaus und das frühere Kanzleigebäude (heute das Friedrich-List-Gymnasium). Zeitgenössischen Berichten zufolge war die Rettung dieser Gebäude dem Einsatz von Feuerspritzen zu verdanken, drei davon waren in städtischen Besitz, weitere kamen mit den Rettungsmannschaften aus umliegenden Gemeinden.
Der Wiederaufbau der Stadt geschah durch die Sammlung von Geldern im In- und Ausland sowie durch Kreditaufnahmen. Rasch versuchte man, die schlimmste Not zu lindern. Die Verwendung der gesammelten Gelder verursachte bei der ärmeren Bevölkerung Unmut, da die Verteilung reichere Bürger bevorzugte. Die Stadt wurde im Wesentlichen auf den überkommenen Grundrissen wieder aufgebaut, das geschah rasch und mit bescheidenen Mitteln, teilweise mit den vom Brand nicht ganz zerstörten Baumaterialien.
Die Erinnerung an das Brandunglück
Die Erinnerung an den Stadtbrand wurde in Reutlingen stets hochgehalten – zunächst mit einem jährlichen „Buß-, Bet- und Fasttag“ am Sonntag um den Tag des Brandbeginns.
Am 100. Gedenktag 1826 kam es zur Gründung einer „Rettungsgesellschaft“, einer Art früher Feuerwehr, durch Johann Jakob Fetzer.
200 Jahre später, 1926, wurde anlässlich des Brandgedächtnistags zur Linderung einer neuen Not aufgerufen: die Not alter Menschen nach dem ersten Weltkrieg sollte mit dem Bau eines Altenheims im Ringelbach gelindert werden.
Anlässlich des 300. Jahrestags 2026 gibt es seitens der Stadtverwaltung wieder verschiedene Aktivitäten, um an die Katastrophe von 1726 zu erinnern. – Hier der Link zu reutlingen.de/stadtbrand
Der Reutlinger Geschichtsverein
Der Reutlinger Geschichtsverein hat sich seit seinem Bestehen immer wieder dem Thema Stadtbrand gewidmet. Vor allem wichtige Aufsätze wurden in der Zeitschrift des Vereins, den Geschichtsblättern, veröffentlicht.
In diesem Jahr trägt der Geschichtsverein mit folgenden Vorträgen zur Beschäftigung mit dem Stadtbrand und seinen Folgen bei:
Am Schiedweckenabend, am 4. März, beginnen wir mit dem Vortrag des Bauforschers Tilmann Marstaller über „Das Wunder des Wiederaufbaus“.
Am 17.9. 2026 hält Dr. Werner Ströbele einen Vortrag zum Thema
„Die Kurtz’schen Feuerspritzen“.
Im Herbst gibt es einen Vortrag von Dr. Stefan Knödler zur literarischen Verarbeitung des Stadtbrandes. Außerdem wird ein Seminar der Universität Tübingen sich mit dem Spendensammeln befassen und die Erträge zu Ende des Jahres beim Geschichtsverein vortragen.
Beiträge in den Reutlinger Geschichtsblättern:
Stübler, Eberhard: Wolff Christoph Winkler von Mohrenfels und Johann Thomas von Rauner, die Stifter des Schulhauses nach dem Reutlinger Brand 1726.
Keim, Karl: Nachrichten über den großen Brand von 1726. In: Reutlinger Geschichts-blätter, Jg. 1933/34, Nr. 40/41.
Schwarz, Paul: Der große Reutlinger Stadtbrand im September 1726. In: Reutlinger Geschichtsblätter, Jg. 1976, Nr.14, S.7- 42.
Tilmann Marstaller: „Phönix“ aus der Asche – Der Wiederaufbau der Reutlinger Altstadt nach dem Stadtbrand 1726 im Vergleich mit Beispielen aus Kirchheim unter Teck und Herrenberg.. In: Reutlinger Geschichtsblätter, Jg. 2016, S. 67-118.
Literatur zum Stadtbrand:
Fischer, Michael. Der Brand von Reutlingen 1726 und seine Folgen nebst Klage, Ach und Wehe an das seinen Schöpfer vergessene und darum mit Feuer hart gestrafte Reutlingen Buß-, Bet- und Fasttagspredigt gehalten. Reutlingen 1901 (Nachdruck)
Fetzer, Johann: Rückblick auf das große Brandunglück durch welches die Stadt Reutlingen im September des Jahres 1726 in Schutt und Asche gelegt worden. Reutlingen 1998, Reprint von 1826
Kurz, Hermann: Eine reichsstädtische Glockengießerfamilie, in Hermann Kurz: Erzählungen, herausgegeben von Friedemann Schmoll, Tübingen 2009.
Stübler, Eberhard: Der große Brand von Reutlingen 1726. Reutlingen 1926.
Werner Ströbele: Der Stadtbrand von 1726 – ein Ereignis schafft Bilder, in Stadt-Bild-Geschichte, Reutlingen in Ansichten aus fünf Jahrhunderten, Reutlingen 1990, S. 49-56.
Wolfgang Jung: Der große Stadtbrand 1726, in: Wilhelm Borth, Bernd Breyvogel, Wolfgang Jung: Reutlingen – von der Reichsstadtherrlichkeit zur selbstbewußten Großstadt, Reutlingen 2013, S. 107-111.
