Druckfrisch liegt der 64. Band der Reutlinger Geschichtsblätter vor. Im Mittelpunkt steht die Vortragsfolge des Kreisarchivs Reutlingen zum 500. Jahrestag des Bauernkriegs in der Region. Die zwischen März und Juli 2025 an unterschiedlichen Orten im Landkreis und mit festlichem Auftakt am Schiedweckenabend des Geschichtsvereins veranstalteten Vorträge werden mit diesem Geschichtsblätterband dokumentiert. Dr. Bernd Breyvogel schreibt über Geschichte und heutige Bedeutung dieser einschneidenden Bewegung vor 500 Jahren, Prof. Jonathan Reinert fragt nach dem Verhältnis von Reformation und Bauernkrieg. Stadtarchivar Dr. Roland Deigendesch beschreibt die Vorgänge in Reutlingen und im Echaztal, Dr. Eberhard Fritz die im Gebiet des Klosters Zwiefalten und auf der Münsinger Alb.
Darüber hinaus werden neue Forschungen zur Geschichte von Stadt und Region vorgelegt. Der Tübinger Doktorand Marcel Schön stieß auf einen erbitterten, jahrelangen Streit um Fischrechte an der Echaz zwischen den Reichsstädtern und dem württembergischen Landesherrn, der fast mustergültig zeigt, wie sich Staatlichkeit am Ende des Mittelalters herausbildet. Die Arbeit verdankt sich dem langfristig angelegten, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekt der Universität Tübingen zu Echaz und Eger „Auf dem Weg zur fluvialen Anthroposphäre“.
Bereits in die Zeit des Frühbarock reicht die verdienstvolle Studie der früheren Kreisarchivarin Dr. Irmtraud Betz-Wischnath zu dem Reutlinger Maler Jakob Salb (gest. 1577/78). Die Arbeit versammelt erstmals das in Museen und Kirchen verstreute Werk des Künstlers, der für Stadtbürger ebenso wie für Äbte und hohe württembergische Amtleute tätig war – und nicht zuletzt für die berühmte Druckerei des Freiherrn Hans von Ungnad, der erstmals überhaupt in kroatischer und slowenischer Sprache Schriften drucken ließ. Die Arbeit wurde nach dem allzu frühen Tod der Kreisarchivarin von Dr. Michael Wischnath abgeschlossen.
Der Fachmann für die – für Württemberg im 19. Jahrhundert ausgesprochen wichtige – Basler Mission, Pfarrer Dr. Jürgen Quack, beleuchtet ein interessantes Kapitel in der Geschichte schwäbisch-deutscher Gemeinden im Kaukasus. Es geht um die Seelsorge der in religiöser Hinsicht recht eigenwilligen Schwabensiedlungen durch die Basler Missionare. Einer davon, der spätere Naturforscher Rudolf Friedrich Hohenacker (1798–1874), heiratete 1826 im Kaukasusort Helenendorf die gebürtige Reutlingerin Ursula Margarethe Klein, sodass die Reutlinger Auswanderer den Ausgangspunkt der Untersuchung darstellen.
Zwei weitere Kapitel führen in die jüngste Vergangenheit. Der Medizinhistoriker Dr. Sebastian Wenger hat sich Fürsorgeakten im Stadtarchiv über Zwangsunterbringungen sogenannter „Asozialer“ im „Beschäftigungs- und Bewahrungsheim“ Buttenhausen in der Zeit des Nationalsozialismus angesehen. Der Autor veröffentlichte zuvor schon ein Buch über diese Zwangseinrichtung auf der Schwäbischen Alb und vertieft mit dieser Studie die gewonnenen Erkenntnisse. Schließlich verfasste die Archäologin Dr. Andrea Bräuning aus Freiburg ein Lebensbild des für Südwürttemberg überaus wichtigen Archäologen, Kunstkenners, Denkmalpflegers und gebürtigen Reutlingers Gustav Adolf Rieth (1902–1984). Rieths Bildungs- und Lebensweg zwischen Weimar, NS-Zeit und der frühen Bundesrepublik wird anhand archivischer Quellen eindrucksvoll nachgezeichnet. Wiederum komplettieren kompetent verfasste Buchbesprechungen neuerer landes- und regionalgeschichtlicher Arbeiten den Jahresband, der ab sofort im Buchhandel zu haben ist.
Reutlinger Geschichtsblätter Neue Folge 64 (2025), hrsg. von Stadtarchiv und Reutlinger Geschichtsverein. Verlag Regionalkultur, Ubstadt-Weiher. 366 S., zahlreiche Abbildungen. Leinen mit Schutzumschlag, Preis: 25,00 Euro. ISBN 978-3-95505-602-5.
